Kindeswohl

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Darum geht es

Die Richterin Fiona Maye (Emma Thompson) steht unter großem Druck. Ein Fall jagt den nächsten, ihre Ehe mit Jack (Stanley Tucci) bröselt auseinander und das nächste Urteil muss besonders schnell gefällt werden. Der junge Adam (Fionn Whitehead) leidet an Leukämie und steht kurz vor dem Tod – es sei denn, er bekommt rechtzeitig eine Bluttransfusion. Doch aufgrund seiner Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas weigert er sich, fremdes Blut in sich aufzunehmen. Da er aber noch minderjährig ist, liegt es nun an der Richterin zu entscheiden: soll sein Glaube respektiert werden (auch wenn er potentiell manipuliert wurde) oder steht sein Leben an erster Stelle?


Viele Fragen

Zuerst dachte ich, der Fall um den jungen Adam würde das eigentliche Thema des Films sein. Doch das ist nicht so. Bereits zur Halbzeit wird das Urteil gesprochen. Dann fängt eine neue Handlung an. Der Teenager verfolgt Fiona, sogar bis in andere Städte. Er möchte in ihrer Nähe sein und mit ihr teilen, was seine Eltern nicht interessiert.
Beim Schauen habe ich mich gefragt, worauf der Film eigentlich hinaus will. Anstatt ein neues Thema aufzumachen, hätte ich es interessanter gefunden, wenn der Fall um Adam den gesamten Film ausgefüllt hätte. Nach dessen Vorstellung war ich besonders auf Fionas Recherchen gespannt. Was hätte sie dabei wohl alles über die Zeugen Jehovas erfahren? Beruht Adams Entscheidung wirklich auf seinen eigenen Gedanken oder wurde er von den Ältesten oder anderen Mitgliedern der Sekte manipuliert?
Anstatt auf diese Fragen einzugehen, unternimmt die Richterin nur einen einzigen Schritt: sie besucht Adam am Krankenhausbett, um die Echtheit seiner Motive zu prüfen. Später erfahren wir jedoch, dass selbst das nicht notwendig gewesen wäre. Aufgrund seiner Minderjährigkeit hätte die Richterin sich immer für sein Leben entschieden. Wenn also nicht mal das relevant war und der Fall noch sehr viel kürzer hätte dargestellt werden können, was will der Film dann eigentlich erzählen?


Starke Charakterisierung

Die zentralen Themen der Geschichte sind nicht Adam und die Rettung seines Lebens. Vielmehr geht es darum, wie sich Fionas Arbeit, insbesondere die aktuellen Geschehnisse, auf sie und ihre Ehe auswirken. Um das zu erzählen, verwenden Autor und Regisseur eine besondere Sprache. Denn vieles wird nur mit wenigen Worten und starken Bildern erzählt. Richard Eyre schafft es, mit kleinen Details sehr viel auszusagen. Sowohl durch einzelne Sätze und kleine Gesten als auch durch aussagekräftige Kulissen wird jede Menge über das Innere der Charaktere vermittelt. Schon in den ersten Minuten gibt es davon einige Beispiele.
Ihre Arbeit übt großen Druck auf Fiona aus. Ihr Sekretär Nigel (Jason Watkins) ist die Verkörperung ihrer To-Do-Liste. Damit dient seine Rolle als Stilmittel, um die enormen Anforderungen an sie zu symbolisieren.
Als weiteres Beispiel möchte ich noch folgende Situation nennen:
Im einleitenden Prozess fällt Fiona ein Urteil, das bei der Bevölkerung alles andere als gut ankommt. Sie beschließt, dass zwei siamesische Zwillinge getrennt werden sollen, was für einen der Jungen den Tod bedeutet. Die Presse betitelt das als „Freibrief für Mord“. Nach der Gerichtsverhandlung schlägt Nigel ihr vor, das Gebäude durch den „üblichen Ausgang“ zu verlassen. Nur durch diesen einen Satz von ihm und ihre Reaktion darauf wird deutlich, dass sie das schon öfter erlebt haben muss. Sie ist die Gefahr und die Anfeindungen, die ihr Beruf mit sich bringen, gewohnt.


Aufräumen? Mach ich morgen.

Diese Arbeitslast hat schwere Folgen für ihr Privatleben. Auch hier verwendet der Regisseur gut gewählte Bilder. Folgendes ist sehr simpel und sagt dennoch viel aus:
Als sie nach Hause kommt, stellt sie ihre Schuhe und Tasche mitten im Wohnzimmer ab. Dort bleiben diese stehen, bis sie am nächsten Morgen wieder zur Arbeit geht. Sie hat weder die Zeit noch die Kraft, ihre Sachen aufzuräumen. So geht es ihr auch in der Ehe. Jack versucht immer wieder zu ihr durchzudringen. Doch solange sie sich ihm nicht zuwendet, bleiben ihre Beziehungsprobleme, wie die Schuhe und Tasche in ihrem Wohnzimmer, einfach liegen.


Wahre Liebe

In den meisten Filmen mit solchen Krisen gehen die Partner letztendlich endgültig auseinander. Doch hier nehmen die Dinge einen anderen Lauf. Über die gesamte Laufzeit zeigt Jack, trotz zeitweiliger Trennung, immer wieder Interesse an seiner Frau. Er bleibt dran, auch wenn sie zuerst nichts von ihm wissen will. Erst, nachdem sie erfahren hat, dass Adam erneut in Lebensgefahr schwebt und er diesmal sterben wird, öffnet sie sich ihrem Mann. Sie erzählt ihm alles und er hört ihr zu. Nach der Beerdigung reichen sie sich endlich die Hand und gehen gemeinsam nach Hause. Dieses Schlussbild sagt mehr aus, als es Worte gekonnt hätten. Sie haben durch diese Tragödie endlich wieder zusammen gefunden.


Gutes Casting

Die Rollen wurden alle hervorragend besetzt. Emma Thompson und Stanley Tucci haben eine wunderbare Chemie (selbst in den Momenten, in denen sie sich nichts zu sagen haben). Allerdings muss ich auch sagen, dass ich von beiden mehr gewohnt bin. Sie holen zwar das Beste aus dem Drehbuch raus, doch steckt noch sehr viel mehr Potential in ihnen, dass sie hier leider nicht völlig entfalten können.
Besonders hervorstechend fand ich zwei der Nebendarsteller: Jason Watkins als Sekretär und Fionn Whitehead als Adam. Letzterer dürfte Christopher Nolan-Fans aus Dunkirk bekannt sein, in dem er den Soldaten Tommy spielt. Er hat eine wunderbare Ausstrahlung. Seine Darstellung strotzt nur so von Energie, obwohl Adam totkrank ist. Seine Figur steckt voller Leidenschaft, die er einfach nur mit anderen teilen möchte. Doch weder seine Eltern noch die Richterin können ihm geben, wonach er sich sehnt. Diese innere Zerrissenheit bringt Whitehead glaubhaft rüber.


Meine Bewertung

Mir fehlt etwas der rote Faden. Eine einzige Haupthandlung hätte mir besser gefallen. Die so knappe Darstellung des Falles hat das Potential dieser Idee nicht ausgeschöpft. Doch finde ich die charakterliche Darstellung, die durch starke Bilder unterstützt wird, sehr gut. Außerdem gefällt mir das Happy End für das Ehepaar. Ich gebe Kindeswohl

Drei 1/2 von Fünf Besen


Beppos Fazit

Beppo: Bei diesem Film muss ich an eine Situation aus meiner Ausbildung denken. Als ich die Straßen sauber machte, kam ich auf einmal an die dreckigste Straße, die ich je gesehen habe. Ich habe mein Bestes gegeben, allen Dreck zu beseitigen, doch die Zeit war einfach zu knapp. Am Schluss hatte ich gerade mal die Hälfte geschafft. Daraufhin meinte mein Ausbilder zu mir:
„Schau mal, Beppo. Es ist völlig normal, dass wir an unsere Grenzen kommen. Du brauchst dich dafür nicht zu schämen. Das nächste Mal nimmst du einfach dieses Funkgerät hier und bittest einen deiner Kollegen um Hilfe. Deshalb sind wir so ein starkes Team, weil wir füreinander da sind. Wenn wir aufeinander zugehen und miteinander reden, können wir selbst den größten Müllberg beseitigen, den es gibt.“


Kindeswohl (The Children Act)
Jahr: 2017
Land: UK
Regie: Richard Eyre
Darsteller: Emma Thompson, Stanley Tucci, Fionn Whitehead, Jason Watkins

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