Joker

Joker

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Darum geht es

Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) arbeitet als Clown für verschiedene Kunden. Er möchte Freude in das Leben der Menschen bringen. Doch er wird verprügelt und verspottet und seine Arbeitsmaterialien werden gestohlen. Anschließend beschuldigt sein Chef ihn, die Sachen selbst entwendet zu haben. Hinzu kommt, dass Arthur unter einer seltenen Krankheit leidet: er fängt aus dem Nichts an zu lachen und kann es nicht kontrollieren. Das ist für seine Mitmenschen sehr befremdlich. Während er kurz davor ist, gefeuert zu werden, kommen auch noch dunkle Details aus der Vergangenheit seiner Mutter (Frances Conroy) ans Tageslicht. Die Anfeindungen und der Druck nehmen immer mehr zu und er verliert immer mehr die Kontrolle.


Gutes Marketing

Der Film hat ziemlich genau das abgeliefert, was ich erwartet habe. Das ist größtenteils dem Trailer zu verdanken. Es passiert sehr selten, dass eine Vorschau so genau das vermittelt, worum es geht (inhaltlich und emotional). Doch hier ist exakt das passiert. Joker hat zwar ein paar kleine Schwächen, ist aber insgesamt sehr gut. Bezüglich der Schwächen bin ich auch offen dafür, meine Meinung noch zu ändern. Denn dies ist einer der Filme, der bei mehrmaligen Anschauen völlig neue Erkenntnisse bietet. Im Internet gibt es tausende von Videos und Texten mit verschiedenen Interpretationen und Analysen. Bisher habe ich ihn aber nur einmal gesehen und dementsprechend auch bewertet. An dieser Stelle möchte ich davor warnen, dass diese Review Spoiler enthält, da ich den Film sehr ausführlich bespreche.


Genialer Hauptdarsteller

Das Highlight ist natürlich Joaquin Phoenix. Sein Schauspiel ist unglaublich gut. Sehr viele Einstellungen kommen komplett ohne Worte aus. Seine Gestik und Mimik sind so stark, dass oft sie allein den Film tragen. Zwei Sachen hat er für diesen Film wirklich perfektioniert: das erste ist sein Lachen. Noch nie zuvor habe ich solch ein trauriges Lachen gesehen wie bei ihm. Während seiner Lachattacken ist sein Blick oft ernst und traurig. Manchmal sind diese Anfälle so stark, dass er daran beinahe erstickt.
Das zweite ist, seine Art zu gehen. Es gibt sehr viele Einstellungen, in denen er einen Flur entlang läuft. Das scheint dem Regisseur sehr wichtig zu sein, da selbst die allerletzte Einstellung genau das zeigt. Jedes Mal verändert sich seine Haltung leicht. Anfangs geht er gebückt und vom Leben gebeutelt, zum Ende hin immer aufrechter und selbstbewusster. Seine Gräueltaten scheinen ihm das Gefühl zu geben, genau das Richtige zu tun. Er hat darin offenbar seine Identität gefunden.
An dieser Stelle kommt jedoch auch mein größter Kritikpunkt ins Spiel: diese beiden Elemente, das Lachen und das Gehen, werden etwas zu oft gezeigt. Ich hatte das Gefühl, dass Todd Phillips dem Zuschauer damit unbedingt klar machen wollte, wie genial sein Hauptdarsteller ist. Doch das habe ich bereits sehr früh verstanden, dafür brauchte ich nicht so viele Wiederholungen. Stattdessen hätte der Regisseur diese Zeit nutzen können, um den Zuschauer noch mehr in Arthurs Leben eintauchen zu lassen. Der Film ist zwar schon eine sehr intensive Charakterstudie, doch er hätte nach meinem Empfinden sogar noch tiefer gehen können. Die meiste Zeit über ist Arthur alleine. Doch ab einem gewissen Punkt zieht sich das etwas. Der Film ist dann am spannendsten, wenn er zeigt, wie er mit anderen interagiert bzw. welche Auswirkungen sein Handeln auf andere hat. Diese sind nämlich durchaus gewaltig. Diejenigen, die sonst nie gehört und gesehen werden, finden nun Beachtung (wenn auch negative). Er gibt ihnen ein Gesicht – auch wenn dieses eine Maske ist.


Viel Stoff zum Nachdenken

Ein weiterer großer Pluspunkt von Joker sind neben Joaquin Phoenix die Fragen, die der Film aufwirft:
Wer sind die eigentlichen Verbrecher: Diejenigen, die nicht gehört werden und Übeltaten begehen? Oder die, die nicht zuhören und hinschauen bzw. andere verspotten?
Wer ist Schuld an den Massenunruhen: Arthur Fleck, der scheinbar alle inspiriert hat, oder die Reichen, die andere ausstoßen, mobben und verprügeln?
Wie viel lässt die Gesellschaft den Reichen durchgehen, während sie die Armen verurteilt?
Wie würden wir uns verhalten, wenn wir in Gotham City leben würden?


Wer ist schuld?

Fragen über Fragen. Eine weitere ergibt sich aus folgendem Kontext:
Zu der Wandlung von Arthur Fleck zu Joker gehören sicherlich viele Faktoren: seine Veranlagung, seine Krankheit, die Gesellschaft und der Missbrauch durch seine Mutter. Auf der einen Seite ist es offensichtlich, dass die grausamen Taten seiner Mitmenschen ihn zu dem machen, was er ist. Auf der anderen Seite scheint er aber auch alle Verantwortung auf genau diese Leute und auf seine Krankheit abzuschieben. Seine laminierte Karte, auf der sein Problem geschildert wird und die er immer bei sich trägt, scheint nicht nur ein Hilfsmittel zu sein, sich zu verständigen. Sie ist auch eine Möglichkeit, sich aus der Verantwortung zu ziehen nach dem Motto: „Ich bin krank, ich kann nicht anders.“ Daraus ergibt sich noch mehr Stoff zum Nachdenken:
Gibt es in unserem Leben regelmäßig auftretende Situationen, in denen wir es uns schon zur Gewohnheit gemacht haben, die Verantwortung auf unsere Umstände abzuwälzen? Zücken wir dann auch solch eine Karte und schieben alle Schuld von uns?


A beautiful Mind

Doch die Fragen sind scheinbar noch viel tiefgründiger als anfangs gedacht, denn es kommt ein weiterer Aspekt dazu: seine Tagträume bzw. Wahnvorstellungen. Was von all dem Gezeigten ist real? Dass die Freundschaft zu seiner Nachbarin (Zazie Beetz) nur eingebildet ist, sagt der Film unmissverständlich. Doch was basiert noch alles auf seiner Fantasie? Was ist mit der Pistole, die er von seinem Kollegen bekommen hat? Ist die wirklich von ihm oder hat Arthur sich die selbst besorgt?
Vieles bleibt offen, manches lässt sich vielleicht durch mehrmaliges Anschauen herausfinden. Das ist einer der Gründe, warum Joker so begeistert: er bietet viel Stoff zur Diskussion – über Moral, über Gut und Böse sowie über Realität und Wahnvorstellung.


Warum regen sich alle so auf?

Um die geladene Atmosphäre in Arthurs Innerem und in der Stadt rüber zu bringen, verwendet der Film ausgezeichnete Kulissen, eine gute Kameraführung und sehr intensive Musik (Hildur Guðnadóttir). Die Wohnung, die Stadt, das Krankenhaus, die Fernsehshow – all das ist sehr stark dargestellt. Doch nicht nur die Sets, auch die Interaktionen der Figuren sind von der Kamera gut eingefangen. Sie hält auch dann drauf, wenn’s unangenehm wird. Es gibt einige Szenen, die wirklich beklemmend sind, jedoch bis ins Letzte ausgekostet werden. Das Gezeigte nagt oft an einem, ist schonungslos und grausam. Selbst die Wirkung der Musik ist an einigen Stellen fast unerträglich. Manchmal ging es mir so nah, dass ich wegschauen musste. Doch ist ja das eine der Aussagen des Films: wenn wir nicht hinsehen, lassen wir zu, dass schreckliche Dinge geschehen und dass einst gute Menschen böse werden. Daraus entsteht noch ein Frage-Konstrukt, das auch das letzte dieses Artikels ist:
Warum ist dieser Film so aufreibend? Wegen den Grausamkeiten oder weil wir beim Schauen merken, dass das gezeigte mehr mit uns zu tun hat, als wir es uns eingestehen wollen?


Meine Bewertung

Bis auf ein paar kleine Längen sowie die zu vielen Wiederholungen von seinem Lachen und Gehen durch Flure ist der Film sehr gut. Joaquin Phoenix verdient auf jeden Fall einen Oscar. Das wäre nach Heath Ledger, der posthum einen Award gewonnen hat, der zweite für dieselbe Rolle. Ich gebe Joker

Vier von Fünf Besen


Beppos Fazit

Beppo: Der Film nagt wirklich an mir und bringt mich selber ins Nachdenken. Ich hab auch manchmal Tage, an denen ich nicht gut drauf bin. Dann werde ich schon mal pampig und möchte die Straße am liebsten nicht zu Ende fegen. Doch wie oft habe ich durch meine Worte und Taten dazu beigetragen, dass jemand zum Joker wurde? Ich erinner‘ mich an eine konkrete Situation, in der mir echt der Kragen geplatzt ist. Es hat gegossen, ständig stand mir jemand im Weg rum und ich hatte noch einen Azubi an der Seite. Er war sichtlich erschöpft und brauchte eine Pause, doch ich wollte fertig werden und nach Hause gehen. Da hab ich ihn angemotzt, er solle sich zusammen reißen. Doch vielleicht hätte er in diesem Moment ein offenes Ohr gebraucht. Ich will jetzt nicht sagen, dass man nie schlecht gelaunt sein darf. Aber auf jeden Fall will ich mehr auf die Menschen um mich herum achten.


Joker
Jahr: 2019
Land: USA
Regie: Todd Phillips
Darsteller: Joaquin Phoenix, Frances Conroy, Robert De Niro, Zazie Beetz

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